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Was ist Kendo

Kendô ist eine – wenn nicht die – klassische Budô-Disziplin und heißt wörtlich “Schwert-Weg”. Ken ist das japanische Wort für Schwert. Der Begriff Dô (jap. Form des chines. “Tao”) läßt sich als “Lebensweg” interpretieren und weist darauf hin, dass es im geduldigen, unermüdlichen Üben außer auf körperliche und technische Entwicklung auch auf die Vervollkommnung charakterlicher Eigenschaften ankommt.
Zielsetzung ist im Kendô, neben Aufmerksamkeit, Ausdauer, Belastbarkeit, Geschick auch Entschlusskraft, Konzentration und Reaktionsvermögen, sowie Selbstdisziplin, Verantwortung, Teamgeist und vor allem Fairness zu fördern.

Der gesamtjapanischen Kendô-Dachverband – genannt “Zen Nippon Kendô Renmei (ZNKR)” oder “All Japan Kendo Federation (AJKF)” – formulierte den Grundgedanken des Kendô im Jahre 1975 wie folgt:

Die Idee des Kendô

Idee des Kendô ist es, den menschlichen Charakter durch Anwendung der Prinzipien des Schwertes zu schulen.

Die Übung des Kendô hat den Vorsatz
Geist und Körper zu formen,
eine starke Seele zu entwickeln,
durch korrektes und strenges Üben Fortschritt in der Kunst des Kendô anzustreben,
Höflichkeit und Ehre des Menschen zu achten,
mit anderen aufrichtig umzugehen
und unaufhörlich die persönliche Weiterentwicklung zu verfolgen.

So wird man fähig,
sein Land und die Gesellschaft zu lieben,
zur Entwicklung der Kultur beizutragen
sowie Frieden und Wohlergehen unter allen Völkern zu fördern.

Entwicklung

Die japanischen Krieger übten seit Jahrhunderten den Gebrauch des Schwertes im Kenjutsu mit vorwiegend technischer Zielsetzung. Nach Ende der Muromachi-Zeit (1573) entstanden nach und nach unter ethischen, philosophischen und religiösen Einflüssen aus den vielfältigen Stilen unzähliger Schulen die einheitlichen Grundlagen des Kendô, wie sie noch heute bestehen.

Modernes Kendô ist eine sehr “sportliche” Kampfkunst, zählt allein in Japan etwa 2 Mio. Aktive, fand ab 1951 von dort aus auf der ganzen Welt Verbreitung und kam Mitte der 60er Jahre auch nach Deutschland. Es gibt Turniere auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene bis hin zur Weltmeisterschaft. Gefördert und geregelt wird diese Entwicklung von der ZNKR.

Zeittafel

  • Yayoi-Zeit, ca. 300 v.Chr. – 300 n.Chr: Funde aus dieser Zeit belegen Metallgewinnung und -verarbeitung (zunächst Bronze, später Eisen) auf dem Gebiet Japans. Außerdem gelangen damals neben anderen Metallgegenständen auch erste Schwerter aus China und Korea auf die Inseln.
  • 5. – 8. Jhdt. Nachweislich werden nun eiserne Schwerter in Japan hergestellt. In ihrer Form sind sie gerade und haben teils zwei Schneiden (beim Ken oder Tsurugi) oder nur eine (dieser Typ wird als Chokutô bezeichnet). Die typische Methode des Stahlhärtens kommt im 6. Jhdt. auf.
  • wahrscheinlich 538: Der Buddhismus gelangt von Korea nach Japan.
  • 8. – 9. Jhdt.: Zum Vorteil für den Einsatz zu Pferde (aber auch aus Gründen der Statik und Härtung) entwickelt sich allmählich das Tachi als Schwert von gebogener Klingenform mit einer Schneide und wird Vorläfer des Katana. Es wird mit der Schneide nach unten in einer Scheide am Gürtel hängend getragen (Tachi Koshirae). Systeme der Schwertkampftechnik entstehen, genannt Gekken, Heiho, Kenjutsu oder Kumitachi.
  • Kamakura-Zeit 1185 – 1333: Übergang der Macht vom Hofadel (Kuge) auf eine Militäraristokratie (Bushi, Samurai), Entstehung des Feudalismus. Glanzzeit der Schwertschmiedekunst (die reichen Erz- und Holzvorkommen des Landes bieten hierfür beste Rohstoffvoraussetzungen).
  • 1191: Eisai (1141 – 1215) ursprünglich Tendai-Priester, bringt nach Aufenthalten in China die Rinzai- (chin. “Lin Chi”-) Schule und somit den Zen-Buddhismus nach Japan.
  • 1192: Minamoto-no-Yoritomo (1147 – 1199) wird erster Shôgun (Militärregent) Japans.
  • 1274 und 1281: Zwei Invasionsversuche der Mongolen unter Kublai Khan werden zurückgeschlagen (sie scheitern nicht zuletzt an Taifunen). Etwa ab dieser Zeit werden allmählich leichtere und kürzere Schwerter bevorzugt. Das Katana entsteht mit seiner speziellen Tragweise (Katana Koshirae: Schneide nach oben gerichtet, Scheide (Saya) steckt im Gürtel).
  • Muromachi- (oder Ashikaga-) Zeit 1338 – 1573: Kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit Japans, aber auch Epoche einer Dezentralisierung der Herrschaft und von kriegerischen Auseinandersetzungen.
  • 1467 – 1568: Mit dem Ônin-Krieg (1467 – 1478) um die Nachfolge des Shôgun beginnt die hundertjährige Zeit der “Kämpfenden Provinzen” (Sengoku). Lokale Herrscher (Daimyô) übernehmen die Macht. Der bisherige Kampfstil einzelner gepanzerter Samurai im Nahkampf weicht Armeegefechten großer Truppen von leichten, Lanzen tragenden Fußsoldaten. Gesteigerter Waffenbedarf führt geradezu zur “Massenproduktion” von Schwertklingen, Kunstfertigkeit und Qualität nehmen dabei ab.
  • 1543: Erste Landung von Europäern und Einführung westlicher Feuerwaffen in Japan durch die Portugiesen.
  • Azuchi-Momoyama- (oder Shokuhô)-Zeit 1568 – 1600: Beginnende Vereinheitlichung der Stile, Gründung der ersten Schulen (Ryû) wie Shinto-Ryû, Nen-Ryû, Chujo-Ryû und Kage-Ryû.
  • 1590: Toyotomi Hideyoshi (1536 – 1598) wird nach dem Sieg über die Hôjô alleiniger Herrscher über Japan. Es kommt zur deutlichen Trennung der Gesellschaft in verschiedene Klassen. Nur noch die Bushi (Krieger) haben das Recht, Waffen zu Tragen. Zu dessen Durchsetzung wird im ganzen Land die “Schwertjagd” (Katana-Gari) angeordnet.
  • 21.10.1600: Die Schlacht von Sekigahara endet mit dem Sieg von Tokugawa Ieyasu (1542 – 1616) über die noch unter Toyotomi verbündeten Truppen. Darauf folgt die Installation der Militärregierung (Shôgunat/Bakufu) in Edo (Tôkyô), 1603 wird Ieyasu Shôgun.
  • Tokugawa- (oder Edo-)Zeit 1600 – 1868: Epoche inneren Friedens in Japan. Die “Samurai-Ethik” des Bushidô entsteht und nimmt Einfluss auf die Schwertkunst.
  • 1629 – 1632: Der Zen-Mönch Takuan Sôhô (1573 – 1645) – Abt des Daitokuji in Kyôto – verfasst briefliche Abhandlungen über die Beziehung von Zen und Schwertkunst (Fudôchishinmyôroku – “Aufzeichnungen über das Geheimnis der Unbewegten Weisheit”, Taiaki – “Annalen des Schwertes Taia”). Vermutlich beide Texte richten sich an Yagyu Munenori (1571 – 1646), Schwertmeister des Shôgun Tokugawa Iemitsu und Gründer der Yagyu-Shinkage-Ryû.
  • um 1630: Ito Ittosai Kagehisa (1560 – 1653) gründet Itto-Ryû. Dieser Stil existiert bis heute und hat wahrscheinlich das Kendô am nachhaltigsten beeinflusst.
  • 1643: Miyamoto Musashi (wahrscheinl. 1584 – 1645) – Rônin, Schwertmeister und Begründer eines Stils, den er Niten-ichi-Ryû nennt – verfasst kurz vor seinem Lebensende als Quintessenz seiner Lehre “Das Buch der Fünf Ringe” (Gôrin-no Shô).
  • um 1750: Mit Entwicklung von Rüstung (Bogu) und Shinai zu Übungszwecken entsteht eine sportliche Form der Schwertkunst, für die der Begriff Kendô geprägt wird.
  • um 1780: Die Zahl der angewendeten Techniken hat sich auf etwa 100 ausgewählte reduziert.
  • 6.1.1868: Einsetzung des Meiji-Kaisers Mutsuhito.
  • Meiji-Zeit 1868 – 1912: “Meiji-Restauration” (Meiji-Isshin) – Grundlegende Veränderungen in der Struktur der japanischen Gesellschaft. Formale Aufhebung der Feudalherrschaft: Die Bushi (Samurai) verlieren an Bedeutung und Einfluss. Japan öffnet sich modernen westlichen Errungenschaften (“aufgeklärte Regierung”), verfällt aber zugleich einem später noch zunehmenden Nationalismus (Glorifizierung des Kaisers, Shintô als Staatsreligion, extremer Patriotismus, territoriales Expansionsbestreben…).
  • 1876 (Meiji 9): Gesetzliches Verbot des öffentlichen Tragens von Schwertern (Haitô-Rei).
  • 1880 (Meiji 13): Aufnahme von Kendô in ein experimentelles Erziehungsprogramm der japanischen Regierung.
  • 1882 (Meiji 15): Der Pädagoge, spätere Direktor der Päd. Hochschule in Tôkyô und Schöpfer des Jûdô, Kano Jigoro (1860 – 1938), der sich auf Initiative des schwäbischen Arztes Ernst von Baelz mit dem Studium des Jû-Jitsu beschäftigt, gründet in Tôkyô das Kodokan als “Schule des sanften Weges”. Er unterstützt nicht zuletzt als IOC-Mitglied die Olympische Idee und fördert u.a. auch das Kendô in der Sporterziehung.
  • 1895 (Meiji 25): Gründung des ersten japanischen Budô-Bundes “Dai Nippon Butoku Kai” in Kyôtô unter Hoheit des jap. Erziehungsministeriums und mit Bestätigung des Kaisers zur (staatskonformen) Kontrolle sämtlicher Budô-Aktivitäten in Japan.
  • 1909 (Meiji 37): Gründung des japanischen Studenten-Kendô-Verbandes “Gakusei Kendô Renmei”.
  • 1911 (Meiji 39): Kendô wird (zusammen mit Jûdô) zum Pflichtfach an japanischen Mittelschulen.
  • 1912 (Taishô 1): Die Kendô-Kata wird vereinheitlicht und ihre Gesamtzahl auf einen heute noch bestehenden Standard von 10 Grundformen reduziert.
  • 1920 (Taishô 9): Ueshiba Morihei (1883 – 1969) – Gründer des modernen Aikidô, der sich auch immer wieder in Stilen der Schwertkunst schult – eröffnet in Ayabe sein erstes Dôjô für das damalige Aiki-Bujitsu.
  • Shôwa-Zeit 1926 – 1989: Amtszeit des Kaisers Hirohito.
  • 7.12.1941 (Shôwa 14): Der Überfall jap. Streitkräfte auf den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor (Hawaii) führt zur Kriegserklärung der Vereinigten Staaten an Japan.
  • 2.9.1945 (Shôwa 18): Der Pazifikkrieg endet mit Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation des jap. Kaiserreiches, welche der Tennô bereits am 15.8. im Rundfunk verkündet hatte, nachdem am 6. u. 9. August die Greuel in der pazifischen Region des 2. Weltkrieges in der Zerstörung der Städte Hiroshima und Nagasaki durch atomare Massenvernichtungswaffen der USA gegipfelt waren.
  • 1945 – 1952: Besatzung Japans durch die alliierten Streitkräfte unter General Douglas McArthur, Reformierung des Staates und Förderung internationaler Beziehungen unter amerikanischem Einfluss.
  • 1946: Das Oberkommando der alliierten Streitkräfte verbietet in Japan sämtliche Organisationen mit militärischem Bezug sowie generell die Ausübung von Budô. Dies führt auch zur Auflösung der “Dai Nippon Butoku Kai”, die 1953 jedoch mit einer neuen Satzung wieder ins Leben gerufen wird.
  • 3.5.1947: In der konstitutionellen Monarchie Japan tritt eine neue Verfassung in Kraft, die die Meiji-Verfassung von 1889 ersetzt.
  • 8.9.1951: Friedensvertrag von San Francisco. Japan erhält wieder seine volle Souveränität. Nach und nach darf Budô zu sportlichen Zwecken wieder ausgeübt werden.
  • 14.10.1952: Neugründung des gesamtjapanischen Kendô-Verbandes “Zen Nihon Kendô Renmei” (ZNKR – auch “ZenKenRen” oder All Japan Kendo Federation / AJKF genannt).
  • 10. – 24.10.1964: Die Sommerspiele der (XVIII.) Olympiade der Neuzeit finden – erstmals auf asiatischem Boden – in Tôkyô statt. Ebenfalls zum ersten Mal ist dort Jûdô als olympische Disziplin vertreten (Kendô ist hingegen bisher nicht olympisch.).
  • 1970: Gründung der International Kendo Federation (IKF).
  • April 1970: Austragung der 1. Kendô-Weltmeisterschaft in Tôkyô (Mannschaft) und Ôsaka (Einzel), Japan.
  • (Wird ergänzt).

    Ausrüstung

    Geübt und gekämpft wird mit dem Shinai (“Bambus-Schwert”). Dieser im Querschnitt runde Fechtstock wurde vor ca. 250 Jahren entwickelt, besteht aus vier gleich langen Bambusleisten und wird zusammengehalten von einer Griffhülle (Tsukagawa), einer Kappe an der Spitze (Sakigawa) und einem Bändchen (Nakayui-gawa) – alles jeweils aus Leder – sowie einer reißfesten Sehne (Tsuru). Ein rundes Stichblatt (Tsuba) schützt die Hand. Die Gesamtlänge beträgt ca. 115 cm, das Gewicht etwa 500 Gramm.
    Damals entstand auch die bis heute kaum veränderte, archaisch anmutende Rüstung – aus Maske (Men), Handschuhen (Kote), Brustpanzer (Do) und Schurz (Tare) – die den Körper sicher schützt und in die vier fast gleichlautenden Trefferzonen (Kopf, Kehle, Handgelenk und Rumpf) aufgeteilt ist. Die Kleidung besteht aus einer Jacke (Keiko-gi) und einer weiten Hose (Hakama) sowie einem Kopftuch (Tenugui/Hachimaki) unter der Maske.

    Die Grundregeln

    Im Turnierkampf (Shiai) begegnen sich zwei Opponenten (Aite) auf einer quadratischen Fläche (Shiaijô) von etwa 10 x 10 m im Beisein von drei Schiedsrichtern (Shimpan). Das Duell ist in dem Moment entschieden, wenn einer der beiden Gegener als erster einen korrekten zweiten Punkt, d.h. gültigen Treffer auf einer der erlaubten Partien beim anderen erzielen kann (2:0 bzw. 2:1). Es gewinnt auch, wer bei Ende der Kampfzeit (von drei oder fünf Minuten) mit nur einem Punkt in Führung liegt (1:0). Ebenfalls möglich sind Unentschieden (Hikiwake) (0:0 oder 1:1). Bei einem Regelverstoß wird dem benachteiligten Kämpfer ein halber Punkt gut geschrieben. Ist zur Entscheidung in Finalkämpfen eine Verlängerung (Enchô) notwendig, bringt der erste Treffer in der Nachrunde den sofortigen Sieg (Shôbu).
    Ein Treffer (Ippon) gilt ausschließlich dann, wenn alle folgenden Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind:

    1. Eins der zulässigen Ziele muss aus idealem Abstand (Ma-ai) in exakter Technik (Waza) mit dem vorderen Shinai-Drittel (Mono-uchi) getroffen werden.
    2. Der Angreifer muss aufrechte Körperhaltung und Gleichgewicht wahren.
    3. Beim Hieb (oder Stich (Tsuki)) ist im gleichen Augenblick mit dem vorderen Fuß fest aufzutreten.
    4. Entschiedenheit des Angriffs und Kontrolle über den Gegner mÜssen im Kampfschrei (Kiai) zum Ausdruck kommen. Dieser benennt auch das Ziel, darf es aber nicht ankündigen.
    5. Unmittelbar nach dem Angriff muss der Kämpfer seine Aufmerksamkeit (Zanshin) und damit die Kontrolle aufrecht erhalten.

    Anmerkungen

    Kata gibt es ebenfalls im Kendô. Sie wird zu zweit ohne Rüstung mit Holzschwertern (Bokutô/Bokken) geübt. Die standardmäßige japanische Kendô Kata umfasst sieben Langschwert- und drei Kurzschwert-Formen.

    Das Graduierungssystem beginnt mit dem 6. Kyû. Der höchste Grad, der im Kendô verliehen wird, ist seit geraumer Zeit der 8. Dan. Farbige Gürtel oder sonstige “Erkennungszeichen” – wie in einigen anderen Budô-Disziplinen üblich – gibt es jedoch nicht.

    Kendô ist in Ausrüstung und Stil stark verwandt (nahezu gleich) mit dem koreanischen Kumdô, das sich aber auf eigene Traditionen beruft.